Interview mit Gewerbepräsidentin

«Hat ein Kind eine 4,65 in der Schule, sagt niemand ‹super Leistung› »

Die Lage auf dem Zürcher Immobilienmarkt belastet die Unternehmen. Warum sich der Gewerbeverband dennoch nicht den linken Forderungen anschliessen will, erklärt Präsidentin Nicole Barandun im Interview.

Bahnhofstrasse Gewerbe
Die Mietpreise an der Bahnhofstrasse werden unerschwinglich, die Lex Koller zu stärken ist dennoch nicht im Fokus des Gewerbeverbands. (Bild: Claudio Schwarz / Unsplash)

Nina Graf: Zum ersten Mal und sehr deutlich nennen Unternehmen «Immobilien» als grösste Schwäche des Wirtschaftsstandorts Zürich. Hat Sie das erstaunt?

Nicole Barandun: Nein, das hat mich nicht erstaunt. Unsere Mitglieder beklagen nicht die Wohnungsnot, sondern die Gewerbeflächen, die immer teurer und gleichzeitig auch weniger werden. Betroffen ist vor allem das produzierende Gewerbe: Handwerker, die je länger, je mehr aus der Stadt verschwinden, weil sie keinen Platz mehr finden.

In der Umfrage wurde auch die fehlende Verfügbarkeit von Büroflächen kritisiert. Dabei wird immer wieder über leerstehende Bürogebäude berichtet

Das hat uns ebenfalls irritiert. Meine Erklärung ist, dass die Befragten den Mangel an bezahlbaren Büroflächen beklagen – hauptsächlich im Zentrum, an der Bahnhofstrasse, wo Warenhäuser grossen ausländischen Immobilienfirmen gehören. Für sie ist eine hohe Bewertung der Immobilien wichtiger, als die Räumlichkeiten zu vermieten.

Die politische Linke fordert deswegen eine Verstaatlichung des Bodens und eine Einschränkung von ausländischen Investor:innen. Heisst das, der Gewerbeverband schliesst sich diesen Forderungen an?

Nein, das ist nicht unser Fokus. Für das produzierende Gewerbe liegt der grösste Hebel bei der Zonierung. Industriezonen müssen Industriezonen bleiben. Das hat nicht nur, aber auch mit Lärm zu tun: Sobald an einem Ort Gewerbe und Wohnen gleichzeitig möglich sind, ist das produzierende Handwerk draussen, weil es Lärm verursacht.

                          Nicole_Barandun_2019
Zur Person

Nicole Barandun ist Präsidentin des Gewerbeverbands Stadt Zürich. Dieser vertritt die Interessen von KMU aus Gewerbe, Handel und Dienstleistungen. Seit 2023 politisiert Barandun für die Mitte im Nationalrat.

Ihre Forderungen richten sich an die Stadt. Der Grossteil der Zürcher Immobilien gehören aber privaten Grosskonzernen. Haben Sie keine Forderungen an diese?

Günstige Mieten sind immer gut. Doch sobald ein Gebiet als reine Industriezone ausgewiesen ist, bleiben die Mieten sowieso auf tieferem Niveau. Deswegen richten sich unsere Forderungen an die Stadt. Die letzten Industriezonen – etwa das Schlachthofareal in Altstetten – sollen auch Industrieflächen bleiben. Es soll keine weitere schleichende Verdrängung von Gewerbe zugunsten reiner Wohn- oder Büroprojekte geben.

Solche Transformationsareale sollen Wohnraum für die wachsende Stadtbevölkerung bieten.

Unsere Mitglieder erzielen zwar nicht die grösste Wertschöpfung, sind aber im Bereich Kreislaufwirtschaft und Nachhaltigkeit Spitzenreiter. Sie sind vor Ort tätig, bieten Reparaturleistungen an und nutzen bestehende Infrastrukturen.

Der Gewerbeverband fiel in letzter Zeit vor allem mit der Forderung nach mehr Parkplätzen auf. Auf der Sorgenliste der Firmen rangieren diese jedoch weit unter den Immobilien, auf Platz sechs. Haben Sie an Ihrer Klientel vorbei politisiert?

Ganz klar nein. Nummer zwei unter den genannten Sorgen ist der Verkehr. Und hier erhalten sämtliche Aspekte des motorisierten Verkehrs sehr schlechte Noten: Die Möglichkeiten für den Güterumschlag schneiden mit 3,2 ab, der Verkehrsfluss in der Stadt mit 2,9. Am tiefsten fällt die Bewertung der Parkierungsmöglichkeiten in der Innenstadt mit 2,3 aus. Zufrieden ist man in Zürich einzig mit dem öffentlichen Verkehr.

Die Stadt fällt in der Auswertung der Umfrage deutlich positiver aus. Mit einem Durchschnittswert von 4,65 sei die Zufriedenheit zwar tiefer als in den Vorjahren, aber «weiterhin hoch».

Jene Faktoren, die am besten abschneiden, etwa die Universitäten, die Zentrumslage oder teilweise auch das Kulturangebot, kann die Stadt kaum beeinflussen. Man kann also sagen, dass die Ergebnisse «es bizli» geschönt dargestellt werden. Hat ein Kind eine 4,65 in der Schule, sagt niemand «super Leistung». Das Resultat ist okay. Die Stadt Zürich sollte aber mehr wollen als «okay».

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Kommentare

Markus
16. Januar 2026 | 07:54

Keine Wohnungen aber Parkplätze und Industriezonen subventionieren

Das Schlachthofareal gehört der Stadt. Soll die Stadt also zwar billige Industriezonen zur Verfügung stellen und die Parkplätze für Private und Gewerbe subventionieren? Fangen wir erst mal an, alle Subventionen für das Gewerbe zu streichen bitte!!? Strassenraum für Uber, Trottoir für private Trottinette. Private Baustellen die ganze Strassen blockieren. Die sollen einen angemessenen Preis dafür bezahlen und nicht der Allgemeinheit auf der Tasche liegen.

Pierre
14. Januar 2026 | 17:17

Weiterentwicklung des Homo Sapiens

In einer digitalisierten 15-Minuten-City braucht es keine Handwerker mehr, weil die Beautiful People und neuen Menschen dank transhumanistischer Weiterentwicklung des Homo Sapiens gar kein Klo und Dusche mehr brauchen. Das wird alles über Wlan und soziale Netzwerke abgeführt.

Hans
14. Januar 2026 | 15:09

Rechts Bürgerliche jammern über Mietkosten

Liebe rechts bürgerlicher Gewerbeverband. Eure Politik lässt die Mieten explodieren! Sorgt endlich dafür dass sich Immobilienkonzerne, Banken, Versicherungen und Pensionskassen an die hiesigen Gesetze halten und dass diese von Politik und Behörden eingefordert und Nichteinhaltung mit hohen Bussen sanktioniert wird!

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