«Kids Of No Nation» oder wie es nach dem Klimakrieg weitergeht

Vergangene Woche feierte das neue Stück von Dominik Locher im Theater Neumarkt seine Uraufführung. «Kids Of No Nation» erzählt die Geschichte zweier Jugendlichen nach dem Klimakrieg auf der Suche nach der Utopie. Redaktorin Florentina Walser war an der Premiere und empfiehlt nicht nur denjenigen, die an der Dringlichkeit der Klimakrise zweifeln, unbedingt hinzugehen.

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Bild: Philip Frowein

In «Kids Of No Nation» sollen die «Kinder und Jugendlichen an der Macht sein», wie es in der Einladung des Theater Neumarkts zur Premiere steht. Es wird überdies extra darum gebeten, sich «von einem Kind ab 9 Jahren oder einer/einem Jugendlichen begleiten» zu lassen. Der Theatersaal ist jedenfalls prallvoll – nicht nur mit Eltern und ihren Kindern, sondern auch zu einem Grossteil mit jungen Leuten. Zu Recht: Die multimedial-moderne Inszenierung mit Live-Illustration und -Vertonung ist zwar durchaus kindergerecht, klagt aber inhaltlich erwachsene Zuschauer*innen direkt an.

Wir schreiben das Jahr 2039. Zürich liegt in den Trümmern des Klimakriegs: Aufgrund Wasserknappheit musste eine riesige Mauer ums Seebecken gebaut werden, die barst, als die Atombombe einschlug. Jetzt ist alles mit verseuchtem Wasser überschwemmt, die Wälder tot, vom Primetower nur noch ein Skelett übrig und die Stadt wird beherrscht von zwei sich verfeindeten Gangs, welche das Triemlispital respektive das Hotel Dolder besetzen und von dort aus ihre Reviere kontrollieren.

Die beiden Protagonist*innen des Stücks sind zwei Jugendliche – Vaju und Mika, gespielt von Nellie Hächler und Alireza Bayram. Aus dieser postapokalyptischen Zukunft sind sie in unsere Gegenwart gereist. Um uns wachzurütteln, aufzuzeigen, welche Schreckensszenarien uns möglicherweise erwarten, aber auch, um uns Mut zu machen, dass alle einen Unterschied machen können. Denn Vaju und Mika sind die Kinder derer, die 2019 bei der Fridays-for-Future Bewegung dabei waren und versuchten, die Welt vor ihrem Untergang zu bewahren. In «K.O.N.N.» ist die Klimabewegung letzten Endes gescheitert, und Selbstsucht und Habgier haben weiterregiert.

«Die 2020er-Jahre standen für den Anfang eines Massenaussterbens – und alles, worüber die Mächtigen reden können sind Geld und das Märchen vom ewigen Wirtschaftswachstum!» schmettert Vaju gleich in den ersten Minuten des Stücks dem Publikum entgegen. Es ist nicht der einzige Satz, der einen trifft wie ein akkurat platzierter Finger in einer eiternden Wunde.

Die Handlung beschreibt das Leben der beiden Jugendlichen in der chaotischen und gefährlichen Stadt. Mika ist der Sohn des gewalttätigen Gangbosses der «Branzos» und giesst lieber Blumen als ins Boxtraining zu gehen. Vaju hatte mit ihrer Familie in der ETH-Bibliothek Unterschlupf gefunden, wo sie von den «Amazas» aufgegriffen, verschleppt, anschliessend auf Hass getrimmt und nun ebenfalls zur Kämpferin ausgebildet wird.

Was die beiden immer wieder umtreibt: Das Gerücht der «Kids Of No Nation», einem Zusammenschluss von Kindern aus aller Welt, welche irgendwo im Engadin ihre eigene Utopie ohne Gier, Hass und Gewalt leben.

Im Zuge eines Gangfights freunden sich Vaju und Mika an und wagen gemeinsam die Flucht in die Berge, wo sie schliesslich tatsächlich das Portal zu den Kids of No Nation finden und freundlich empfangen werden.

Das Storytelling des Stücks mit einer guten Prise Fantasy und Happy-End ist klar auf Kinder ausgerichtet. Deswegen aber die in «K.O.N.N.» gezeichnete Zukunftsvision als übertriebenes Szenario eines Science-Fiction-angehauchten Kindertheaters abzutun, wäre ein grosses Fehler. Denn der Inhalt des Stücks wirkt unverblümt wie eine Ohrfeige. Eine, bei der ein roter Handabdruck zeigt, wo die Backe immer noch brennt.

Und ihr? Ihr habt einfach weggeschaut, weiterkonsumiert. Ihr hättet auch aufstehen können. Ihr könnt noch aufstehen.

Im Anschluss an die Aufführung dürfen die kleinen Zuschauer*innen Backstage zur Kinderdisco. Für den Rest des Publikums wurde «Klimaexpertin» Renée La Plante eingeladen, die uns nach dem Stück persönlich mit dem Thema konfrontiert und für Diskussionen und Fragen zum Thema bereit steht. Ihre Worte zum Schluss: «Es liegt nun in unseren Händen, diese Zukunft zu ändern. Je länger wir dies verschieben, desto schwieriger wird es. Bitte, investiert ein wenig eurer Zeit. Denn uns bleibt nicht mehr lange.»

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