Wie sich der Klimastreik professionalisiert hat

Aus den Schulzimmern auf die nationale Bühne: Der Klimastreik hat eine rasante Entwicklung hinter sich, hat aus dem Nichts professionelle Strukturen aufgebaut. Wie konnte dies gelingen? Wir haben nachgefragt.

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Klimastreikerin Leandra Breu: «Ich glaube nicht, dass das Alter eine entscheidende Rolle spielt, wie professionell oder unprofessionell wir agieren» (Bild: zvg)

2018 ist der Klimastreik entstanden. Wie hat er es geschafft, sich innert Kürze zu professionalisieren? Diese Frage soll jemand aus der Organisation beantworten. Nach der Anfrage nach einer Auskunftsperson vergehen keine 24 Stunden, bis der Kontakt mit Lea Breu hergestellt ist. Wiederum keine 24 Stunden später hört sie sich die Fragen aufmerksam an und gibt mit präzisen Formulierungen Auskunft. Es gibt grosse Unternehmen, die weniger rasant, ja, weniger professionell agieren.

Wie ist das möglich? «Learning by doing», sagt Breu lachend. Seit anderthalb Jahren ist sie beim Klimastreik dabei. 16 Jahre jung. «Ich glaube nicht, dass das Alter eine entscheidende Rolle spielt, wie professionell oder unprofessionell wir agieren», kommentiert Breu eine Bemerkung dazu. Ob Erfahrung oder jugendliche Unbekümmertheit spielt sodann auch keine Rolle. Es erstaunt schlicht, wie abgeklärt sich Vertreter:innen der Bewegung in der Öffentlichkeit präsentieren.

«Die Zeit läuft ab»

«Learning by doing.» Breu sagt dies mehrfach. Über die Organisation. Aber auch über ihre Rolle darin. Sie ist im Medienteam dabei, im Social-Media-Team, in verschiedenen Working Groups, schreibt Protokolle. Andere Aktivist:innen pflegen den Webauftritt, schreiben Texte, bestellen Material oder organisieren den «Strike for Future», die Kernaufgabe. Der nächste findet am 21. Mai statt. Seit Monaten schon ist man daran, diesen vorzubereiten. Wie Profis eben.

Dabei steht innerhalb des Klimastreiks die Weiterentwicklung, das Schaffen von Strukturen oder allgemein die Professionalisierung gar nicht zuoberst auf der Agenda. «Wir wissen natürlich um die Wichtigkeit von professionellen Strukturen», sagt Breu. «Aber wir engagieren uns nicht deshalb. Wir engagieren uns gegen die Klimakrise. Vieles, für was wir heute stehen, ist aus der Not entstanden. Die Zeit läuft ab. Wir haben gar keine andere Wahl, als uns zu Professionalisieren.»

Der Klimastreik musste lernen. Und er hat gelernt.

Liliane Wenger

«Sie hatten keine Wahl.» Das sagt auch Liliane Wenger. Sie forschte im Rahmen ihrer Masterarbeit zur Klimastreik-Bewegung. «Die Aktivist:innen merkten in der Praxis, dass es nicht so läuft, wie es soll. Also suchten sie eine Lösung.» Diese lag darin, sich zu strukturieren. Gerade weil die Bewegung so stark gewachsen ist. «Und sie haben innert Kürze eine Lösung gefunden, was erstaunlich ist.»

Die Trägheit der Politik und die Dynamik des Klimastreiks

Zurück zu Breu. Sie sagt, die Zeit läuft ab. Und meint damit, dass die Politik trotz steigendem Bewusstsein für das Problem sich kaum zu bewegen scheint. Die Frage aber, ob eine vermehrte Einflussnahme in die Politik ein weiterer Schritt in der Entwicklung des Klimastreiks wäre, verneint die Schülerin. «Wir sehen ja anhand der letzten Jahre, was die Politik in Sachen Klimapolitik zustande bringt», so Breu ernst. «Sie agiert kaum, reagiert zu langsam, hält sich nicht einmal annähernd an die Versprechen des Pariser Klimaabkommens. Ein wirklicher Wille zum Handeln ist nicht zu erkennen. Dabei steht unsere Zukunft auf dem Spiel.»

Politische Einflussnahme scheint für die Organisation vergeudete Zeit. Zielgruppe ihrer Botschaft sind nicht Parlamentarier:innen, sondern die Bevölkerung. Und diese wird direkt angesprochen. Weil sie, so die Hoffnung, mit der Dynamik der jungen Organisation mithalten kann. Die Politik, so die Schlussfolgerung, kann es nicht.

Dennoch wird das Thema innerhalb der Bewegung kontrovers diskutiert. «Ich würde nicht von Strömungen sprechen, aber es gibt Aktivist:innen, die mehr an die Macht der demokratischen Mittel glauben als andere. Für Manche geschieht nichts oder zu wenig Genügendes», sagt Wenger. «Die Professionalisierung des Klimastreiks ist ein Prozess. Und so wird auch das Mass an Einfluss, dass die Bewegung auf Politiker auszuüben versucht, wohl weiter variieren.»

Es fände aber sehr viel politische Bildung statt. Man wolle zusammen etwas entwickeln, und dabei brauche es Verständnis für politische Prozesse, sagt Wenger. Und fügt hinzu: «Ob wirklich Kinder und Jugendliche konkrete politische Lösungen für die Klimaproblematik liefern sollen, ist eine andere Frage.»

Gegenseitige Weiterbildung

Politische Bildung ist nur ein Punkt, die es im Hintergrund braucht, um letztlich die Botschaft in die Bevölkerung zu tragen. Es braucht viel, sehr viel sogar. Wie dies in der Praxis geschieht, schildert Breu wortreich. Die Informationen fliessen ohne Hindernisse zwischen verschiedenen Gruppen innerhalb des Klimastreiks, regional wie national. Dank Internet sind die Dokumente für alle jederzeit transparent einsehbar. Es gibt Entscheidungscalls, über die Themen können sich die jungen Menschen mindestens zehn Tage im Voraus ein Bild. Um Online-Sitzungen effizient zu gestalten, gibt es einen ganzen Katalog an Handzeichen. Ist man bei einem bestimmten Thema gleicher Meinung, wissen das alle, ohne sich in Worten mitgeteilt zu haben.

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Hier wird Material für Kundgebungen organisiert, dort werden Proposal (Breu: «eine Art Initativtext») verfasst. Hier wird der Kontakt zu WWF oder Greenepeace gesucht und gepflegt, dort werden Workshops geplant. Man bringt sich gegenseitig bei, wie man Texte schreibt, mit Medien umgeht, Social Media-Kanäle bewirtschaftet. «Ich selber etwa wusste wenig über Medienarbeit. Jetzt fühle ich mich sehr wohl darin. Alle bringen sich dort ein, wo sie am meisten bewirken können. Das ist eine grosse Stärke von uns.»

Dies fasziniert Wenger. «Wie argumentiert man? Wie debattiert man? Der Klimastreik musste lernen. Und er hat gelernt.» Und deshalb glaubt Wenger auch, dass die Bewegung mit ihrem Engagement in der Bevölkerung Einiges ausgelöst hat. «Ich weiss zum Beispiel von Konflikten in Familien. Eltern waren nicht mehr vollends einverstanden mit den Entscheidungen der Kinder, die im Klimastreik aktiv sind. Auf die Autoprüfungen zu verzichten etwa. Kurz: Durch den Klimastreik wird das Problem sichtbar.»

Solche Konflikte haben letztlich etwas Positives: Sie befeuern die Debatte. Und egal wie Professionell der Klimastreik in ein paar Jahren sein wird: Wenn nicht über die Klimakrise diskutiert wird, dürfte sich auch nie etwas ändern. Es ist die wohl letzte Hoffnung. Und die Professionalisierung nicht mehr als Mittel zum Zweck.

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