Stadtratskandidatinnen diskutieren häusliche Gewalt, nur die Männer fehlen
Am Freitag lud die FDP-Stadtratskandidatin Marita Verbali zu einem überparteilichen Podium «Gegen Belästigung und Gewalt an Frauen» ein. Es herrschte Einigkeit über den dringenden Handlungsbedarf, doch eine wichtige Perspektive fehlte.
In Wahlkampfzeiten geschehen mitunter wundersame Sachen. Am Freitagabend lud FDP-Stadtratskandidatin Marita Verbali zu einer überparteilichen Podiumdiskussion ins Volkshaus ein. Ein Ort, der den meisten als Lokal der Linken bekannt ist. Auch das Gesprächsthema wurde historisch betrachtet eher von linker Seite bearbeitet: «Gegen Belästigung und Gewalt an Frauen». Alle acht Stadtratskandidatinnen, inklusive der zwei Bisherigen Karin Rykart und Simone Brander stehen auf der Bühne.
Marita Verbali sei letzten Sommer für das Thema sensibilisiert worden – unter anderem durch ihr Gottemeitli, das von Belästigung im Club erzählte. Das habe sie «stark aufgerüttelt», erzählt sie den 50 Anwesenden in ihrer Begrüssungsrede. Aus dem Anliegen, Frauen in der Politik mehr Öffentlichkeit zu geben, sei die Idee zu diesem überparteilichen Podium gekommen. «Es ist ein Thema, das wir zusammen angehen müssen», sagt Verbali.
Polizei stärken oder Präventionskurse in der Schule
Auf dem Podium herrscht über alle Parteien hinweg Einigkeit, dass in dem Bereich grosser Handlungsbedarf herrsche. In den einzelnen Wortmeldungen zeigen sich dann die Parteizugehörigkeit und teilweise auch, wie fest das Thema in der eigenen politischen Agenda verankert ist.
Sandra Gallizzi (EVP) will bei den Familien ansetzen. «Dort müssen wir den Kindern zeigen, dass Männer und Frauen den gleichen Stellenwert haben.» Sie nennt das Beispiel aus Amerika, wo Familienkurse mit Babypuppe für werdende Eltern durchgeführt werden, was der Saal mit einem amüsierten Lachen quittiert. Als Vorschlag für Zürich nennt sie Präventionskurse in den Schulen.
SP-Politikerin Céline Widmer betont, dass es nach wie vor Handlungsbedarf auf allen politischen Ebenen gebe. Erst kürzlich habe im Nationalrat ein SVP-Vorstoss verhindert werden können, der forderte, dass Militärmunition wieder nach Hause genommen werden dürfe.
Polizeivorsteherin Karin Rykart (Grüne) verdeutlicht, wie präsent das Thema im städtischen Raum ist. Jeden Tag rücke die Polizei sechsmal wegen häuslicher Gewalt aus. Die Stadtpolizei habe einen Pikettdienst für häusliche Gewalt, wo immer zwei Polizistinnen zur Verfügung stünden. Für Rykart ist klar: «Will man etwas ändern, braucht es Gleichstellungsmassnahmen – und die Polizei.»
«Die finanzielle Selbstständigkeit von Frauen und die Vereinbarkeit von Beruf und Familie ist ein zentraler Hebel», sagt Mitte-Kandidatin Karin Weyermann. In ihrer Arbeit bei der Staatsanwaltschaft habe sie erlebt, wie Betroffene aus Frauenhäusern aus finanzieller Not wieder zurück nach Hause mussten.
Tiefbauvorsteherin Simone Brander (SP) verweist auf städtebauliche Massnahmen zur Erhöhung der Sicherheit. Unterführungen würden verbreitert oder – wie jene in der Grünau – mit bunten Malereien aufgewertet.
Trotz Einigkeit, kommt der Wahlkampf auf die Bühne.
Als Marita Verbali auf einen Vorstoss zur Stärkung von Präventionsarbeit von Femiziden und geschlechtsspezifischer Gewalt verweist, den sie kürzlich eingereicht hat, kontert Serap Kahriman (GLP). In der jüngsten Budgetdebatte habe sich die FDP gegen eine Aufstockung der Fachstelle für Gleichstellung ausgesprochen.
Auch die AL-Kandidatin Tanja Maag findet dies unverständlich. Sie ist der Ansicht, dass Massnahmen, die auf gesamtgesellschaftlicher Ebene ansetzen, den grössten Effekt haben. Darum dürfe es bei der Finanzierung von Präventionsmassnahmen «kein ‹Aber› geben».
Wahlkampf, keine Realpolitik
Moderatorin und Journalistin Helene Obrist führt mit konkreten Fragen durch die anderthalb Stunden, hakt nach und sorgt dafür, dass sich alle äussern. Dass die Diskussion dennoch meist an der Oberfläche bleibt, liegt an der Breite des Themas und der Anzahl Teilnehmerinnen auf dem Podium.
Dazu kommt: Gewalt an Frauen wird an diesem Abend ausschliesslich von Frauen diskutiert – obwohl mehr als drei Viertel der Täter bei häuslicher Gewalt Männer sind.
Nimmt man Männer damit nicht aus der Verantwortung, wenn Diskussionen zu dem Thema ausschliesslich von Frauen geführt werden? In einem zweiten Schritt sei es notwendig, auch die Männer einzubinden, sagt Verbali auf Nachfrage im Anschluss ans Podium. An diesem Abend sei es ihr jedoch darum gegangen, Frauen eine Bühne zu geben.
An diesem Abend wurden keine politischen Massnahmen gegen häusliche Gewalt ausgearbeitet. Dieser Abend war ein Wahlkampfanlass.
Aber, das hat Marita Verbali mit dem Anlass erreicht: Es wurde Öffentlichkeit für das Thema geschaffen.
Und dank der FDP-Politikerin mussten sich Kandidatinnen aus allen politischen Lagern zum Thema positionieren. Ausser die SVP, die ist nur mit Männern im Parlament vertreten.
Nach Abschluss des Abends bleibt abzuwarten, ob sich diese überparteiliche Einigkeit auch in der realpolitischen Arbeit niederschlägt.
Korrigendum: In der ersten Version dieses Artikels stand, dass Sandra Gallizzi als Idee Familienkurse mit Puppen vorschlägt. Gallizzi hatte die Kurse als Beispiel genannt, die in Amerika durchgeführt werden. Als Massnahme für Zürich hat sie Kurse in den Schulen genannt.
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Aufgewachsen am linken Zürichseeufer, Master in Geschichte und Medienwissenschaft an der Universität Basel. Praktikum beim SRF Kassensturz, während dem Studium Journalistin bei der Zürichsee-Zeitung. Wissenschaftliche Mitarbeiterin in einem SNF-Forschungsprojekt zu Innovation im Lokaljournalismus. Seit 2021 Mitglied der Geschäftsleitung von We.Publish. Seit 2023 Redaktorin bei Tsüri.ch.