Zürich und Winterthur gegen den Rest – warum die Städte im Kanton fast nie gewinnen
Zürich und Winterthur sind jung, progressiv – und politisch machtlos. Denn im Kanton Zürich gilt: Wer das Land nicht überzeugt, verliert.
Wer im Kanton Zürich eine Abstimmung gewinnen will, braucht mindestens 225’000 Stimmen; zumindest bei einer durchschnittlichen Stimmbeteiligung von etwa 50 Prozent.
Die Stadt Zürich könnte eine Initiative mit 60 Prozent Ja-Stimmen annehmen – und trotzdem verlieren. Warum? Weil Gemeinden wie Hinwil und Andelfingen nein sagen.
Was bedeutet dies für den Graben zwischen progressiven Städten Winterthur, Zürich und Uster im Vergleich zum konservativen Rest? Können die drei grössten Städte des Kantons gegen das Land gewinnen?
Am Sonntag entscheiden die Zürcher Stimmberechtigten über das Vorkaufsrecht und über die Mobilitätsinitiative. Bei beiden Vorlagen wird ein deutlicher Gegensatz zwischen den drei grossen Städten und den kleineren Gemeinden erwartet, der Einfachheit halber hier als «Stadt-Land-Graben» bezeichnet.
Welche Macht dabei die drei grössten Orte bei Abstimmungen haben, zeigt ein Blick in die Vergangenheit. Die Volksinitiative «Gegen Steuergeschenke für Grossaktionär:innen» der Alternativen Liste (AL) im Jahr 2022 war mit einer Mehrheit von 50,47 Prozent eine der knappsten im Kanton Zürich. Zudem weisen die Resultate einen klaren Stadt-Land-Graben auf.
Uster unterstützt die Städte nur manchmal
Ein ähnliches Bild zeigt sich bei anderen Abstimmungen: Klimagesetz, Anti-Chaoten-Initiative oder der Elternzeit. Zürich und Winterthur gegen den Rest, manchmal mit Unterstützung aus Uster, der drittgrössten Stadt des Kantons.
Warum dies so ist, darüber gibt es diverse Studien, wie der kürzlich publizierte Stadt-Land-Monitor von Sotomo. Die Menschen in Zürich, Winterthur oder Uster sind jünger, weltoffener und besser ausgebildet. Das schlägt sich auch mit deutlich progressiveren Ergebnissen an der Urne nieder.
Auf dem Land dagegen leben mehr ältere Menschen mit engerer Verbindung zur Region – sie setzen eher auf Sicherheit, Tradition und lokale Verbundenheit.
Zürich, Winterthur und Uster können am kommenden Sonntag nicht im Alleingang die Abstimmungen zum Vorkaufsrecht gewinnen und jene zum Tempo-30-Verbot bodigen. Denn gemeinsam kamen sie bei der Abstimmung zu den Steuergeschenken auf 117’000 Stimmen. Um das knappst mögliche Resultat von 225’000 Stimmen zu erreichen, fehlt noch einiges.
Städte brauchen Unterstützung vom Land
Wenn die Städte gewinnen wollen und so abstimmen, wie normalerweise bei Stadt-Land-Vorlagen, sind sie auf eine mindestens 45-prozentige Unterstützung vom Land angewiesen. Damit kämen sie auf das Minimum, das es braucht, um eine Abstimmung für sich zu entscheiden.
Selbst mit überdurchschnittlicher Mobilisierung im Abstimmungskampf sind Zürich, Winterthur und Uster auf die Unterstützung von kleineren Gemeinden angewiesen.
Ob die grossen Städte am Sonntag Unterstützung der Landbevölkerung kriegen? Beim Tempo-30-Verbot wohl kaum, denn dies betrifft die kleineren Gemeinden wenig. Das Vorkaufsrecht hat bessere Chancen, weil die Wohnkrise längst auch in der Agglomeration angekommen ist.
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An der Universität Zürich hat Simon Politikwissenschaften und Publizistik studiert. Nach einem Praktikum bei Watson machte er sich selbstständig und hat zusammen mit einer Gruppe von motivierten Journalist:innen 2015 Tsüri.ch gegründet und vorangetrieben. Seit 2023 teilt er die Geschäftsleitung mit Elio und Nina. Sein Engagement für die Branche geht über die Stadtgrenze hinaus: Er ist Vize-Präsident des Verbands Medien mit Zukunft und Mitglied der Eidgenössischen Medienkommission (EMEK) und macht sich dort für die Zukunft dieser Branche stark. Zudem ist er Vize-Präsident des Gönnervereins für den Presserat und Jury-Mitglied des Zürcher Journalistenpreises. 2024 wurde er zum Lokaljournalist des Jahres gewählt.
Kommentare
Landhilfe
Ich bin froh, dass der Kanton die kuriosen Pläne & Ideen der linken Stadt immer wieder zu korrigieren weiss. Danke Andelfingen, danke Hinwil!
nicht gerade differenziert
Ich kann ehrlich gesagt nicht glauben, dass Zürich, Winterthur und Uster jung, links, und progressiv sind, und der ganze "Rest" konservativ. Das ist überhaupt keine realistische Einschätzung sondern spaltender Populismus und herablassend. Wären die Städte Zürich, Winterthur und Uster jung, progressiv und links, warum werdet Ihr dann aus euren progressiven Städten verdrängt aufs angeblich konservative Land, weil ihr euch keine Wohnungen mehr leisten könnt in den linken, jungen und progressiven Städten? Bitte mehr Differenzieren. Und der Kanton Zürich ist nun wirklich nicht klein für schweizer Verhältnisse.
eben doch differenziert
Tsüri hat eine klare Zielgruppe und Ausrichtung (die ich auch nicht pauschal unterstütze). Für Tsüri-Format ist dieser Artikel angenehm sachlich, nüchtern und nicht polemisch (Danke dafür, gerne mehr in diesem Ton!). Wenn Sie, M, diese politischen und demographischen Unterschiede der Städte zum Land nicht glauben können, mangelt es leider an Lebenserfahrung und Grundbildung. Falls weiterhin Wissensdurst besteht, empfehle ich, einfach die Statistiken zu den vorhin genannten Themen zu studieren.
kenne beides
Ich habe in Städten und auf dem Land gelebt und die Analyse ist mir wie gesagt zu holzschnittartig. Mein Punkt war deswegen auch, dass es in den Städten sicher auch viele Rechte, Konservative und Liberale gibt, was wohl ein Grund des nichtbezahlbaren Wohnraums ist, ginge man davon aus, dass Linke für bezahlbaren Wohnraum stimmen und den anderen genannten sei das egal.
Sprachkritik, Problem von Verzerrung bei Studien u. Statistiken, abschliessend danke für den kurzen Disput und Tsri weiterhin alles Gute
Ich habe die Studie nicht gefunden. Aber Sie verstehen sicher mehr von Schweizer Politik. Mein Punkt ausgeführt: Herr Jacoby deutet es an:"Beim Tempo-30-Verbot wohl kaum, denn dies betrifft die kleineren Gemeinden wenig." Man hat die Bedürfnisse dort wo man lebt. Deswegen werden Linke auf dem Land weniger für Tempo 30 stimmen. Hingegen Konservative in den Städten eher. Ich kenne ein Dorf, das hat auf der Gemeindeebene aufgrund einer problematischen Strasse im Dorfkern neben einer Umfahrung für Tempo 30 und teilweise autofrei gestimmt, was von der Gemeinde mit finanzieller Hilfe vom Kanton/Bund umgesetzt wurde. Das ist als Beispiel politisch konservatives und linkes Dorf, mit vielen Familien und Jungen. Was die verwendeten Worte betrifft: Mitte-Links und SP, auch die WOZ, haben die E-ID als progressiv vermarktet im binaristischer Abgrenzung zu konservativ der Gegner. Ich bin weiter links als die SP/Mitte-Links. Die E-ID ist für mich rechts und reaktionär. Was bedeutet also progressiv?
selbstverständlich ist die Realität komplexer
Selbstverständlich ist die Realität komplexer uns lässt sich nicht in einem kurzen Artikel exakt artikulieren. Allerdings ging es erstens in dem Artikel auch nicht um eine wissenschaftl. Analyse, sondern um die notwendige Zusammenarbeit von Stadt und Land für gelungene Politik. Dieser Teil wurde meiner Meinung nach sehr gut durch Fakten untermauert. Zweitens ist es ein Fakt, dass es einen Unterschied zwischen Stadt und Land im Wahlverhalten und der Demographie gibt. Selbstverständlich wohnen auch SVP-Wähler in den Städten und umgekehrt fürs Land, aber de facto ist das Wahlverhalten in den Städten ein ganz anderes als auf dem Land. Das lässt sich an so gut wie jeder Abstimmung ablesen. ABER: natürlich sind die Zahlen nicht "Land: 100% rechts, Stadt: 100% links", sondern immer noch durchmischt. Es geht mehr darum, welche Mehrheit sich wo findet, weil da die Mehrheit häufig das Sagen hat. Im Kanton ZH gibt es eben lokal unterschiedliche Mehrheiten, die einen Konsens finden müssen.
Eigener Kanton
Die Städte Winterthur und Zürich sollten sich beide vom Kanton Zürich abspalten und einen eigenen Kanton bilden: Zürithur. Eigentlich sollten wir in der Schweiz weniger Kantone haben, aber solange keine schweizweite Kantonsreform durchgeführt wird, können die Städte nur so deblockiert werden.
Was das Ganze leider (aus linker Perspektive) noch zusätzlich erschwert ist die Dauer der Einbürgerung. Gerade in den Städten leben viele junge, gut ausgebildete Menschen, die wie ich nicht politisch partizipieren dürfen, weil sie keinen Pass haben
Mein Vater, der Migrant
Mein Vater ist Migrant und hat sich irgendwann einbürgern lassen. Ich kenne zwei drei Secondos, hier geboren, die haben sich gar nie einbürgern lassen, weil sie das aus irgendwelchen Gründen gar nicht wollten, was ja auch ok ist. Jedem das seine.