Kolumne von Hannan Salamat

Advent, Chanukka, Ramadan: Wo ist die Vielfalt im Zürcher Stadtbild?

Unsere Kolumnistin Hannan Salamat ist mit dem Christkindlmarkt aufgewachsen. Gerade deshalb wünscht sie sich ein Zürich, in dem verschiedene festliche Rituale nebeneinander Platz haben – als Teil einer gemeinsamen Erinnerungskultur.

Weihnachtsbeleuchtung Zürich
Das Zürcher Stadtbild ist christlich geprägt, dabei gibt es viele Menschen, die die Weihnachtszeit anders feiern. (Bild: Unsplash/Ricardo Gomez)

Dieses Jahr präsentierte die Stadt Zürich im November, fast zeitgleich, ihre neue Strategie zur Erinnerungskultur und schaltete die Weihnachtsbeleuchtung «Lucy» ein. Zwei Ereignisse, die auf den ersten Blick wenig miteinander zu tun haben, aber in meinem Kopf sofort ineinander gegriffen haben.

Wie erinnern wir uns im öffentlichen Raum, feiern und kommen zusammen?

Im Dezember sieht man vor allem christliche Traditionen. Das ist logisch: Sie sind hierzulande seit Jahrhunderten Teil des Alltags. Feste prägen eine Stadt. Sie schaffen Wiedererkennung, Zugehörigkeit, ein gemeinsames Gefühl. Erinnerungskultur zeigt sich nicht nur in Denkmäler und Strassennamen, sondern auch in Lichtern, Düften, Musik, Ritualen. Öffentliche Feiertage erzählen uns, wer wir als Stadt sein wollen.

Hier setzt die neue Strategie an. Sie sagt: Zürichs Erinnerungskultur soll so vielfältig sein wie die Bevölkerung. Und: Wenig beachtete Aspekte sollen sichtbarer werden.

Das bedeutet: Wenn Zürich plural ist, dann dürfen auch seine Feste plural erscheinen.

Denn die Realität ist längst bunt: Christ:innen feiern Advent. Juden und Jüdinnen bereiten Chanukka vor. Muslim:innen planen Ramadan. Hindu, buddhistische und andere Gemeinschaften haben ihre eigenen Rhythmen, Feste und Rituale. Viele Menschen sind vielleicht geprägt von einer Religion, leben zwar säkular, feiern aber trotzdem gerne.

Ich, aus Bayern importiert und christkindlmarktsozialisiert, renne im Winter gerne von Stand zu Stand, probiere mich auf dem Sechseläutenplatz durch die internationale Küche und erzähle allen, wie sehr ich die riesigen Weihnachtsbäume aus der Heimat vermisse. Ich liebe dieses ganze Vorweihnachtsgefühl.

Aber genau deshalb fällt mir etwas auf, denn trotz all der Kulinarik und Vielfalt sieht man im öffentlichen Raum fast nur eine Geschichte. Die christlich geprägte. Sie ist schön, warm und nostalgisch, keine Frage. Aber sie bleibt eben eine unter vielen, nicht die einzelnen Fäden, aus denen Zürich heute gewoben ist.

«Traditionen stehen nie still. Sie wandern, verändern sich, berühren einander.»

Hannan Salamat

Was würde passieren, wenn die Stadt ihre neue Strategie ernst nimmt und sich fragt: Wie kann der öffentliche Raum zeigen, wie vielfältig wir wirklich sind?

Die gute Nachricht: Traditionen stehen nie still. Sie wandern, verändern sich, berühren einander. Weihnachten, Chanukka und die iranische Yalda-Nacht teilen denselben kosmischen Ausgangspunkt: die Wintersonnenwende, den Moment, in dem das Licht langsam zurückkehrt.

Und selbst der Ramadan hat in Europa längst einen Adventskalender bekommen – samt kleinen Geschenken. Feste finden ihre eigenen Wege. Sie passen sich an, wachsen weiter und nehmen neue Formen an, verändern sich. Sie vermischen sich. Sie lernen voneinander. Und genau das macht eine Gesellschaft lebendig. Warum also nicht nutzen, was schon da ist?

Stell dir vor: Lucy leuchtet wie immer. Daneben strahlt eine Chanukkia. Und wenn 2032 der Ramadan wieder in den Dezember fällt, erscheint ein «Happy Ramadan» ganz selbstverständlich im Stadtraum. Das sind die Traditionen, die ich kenne. Und ich würde mich freuen, im öffentlichen Raum auch all die anderen kennenzulernen und mitzufeiern, die ich noch nicht kenne. Genau das ist doch das Versprechen unserer Demokratie: dass alle Platz haben.

So wäre das kein Bruch mit der Tradition. Sondern eine Erweiterung. Eine Einladung. Eine Erinnerungskultur, die sagt: Wir gehören alle zu diesem Zürich.

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Kommentare

Christian Walti
20. Dezember 2025 | 13:39

Pfarrer Grossmünster

Ein toller Beitrag, der genau beschreibt, was in einer multikulturellen Gesellschaft nötig ist: die eigene Kultur feiern, öffentlich, aber nicht auf Kosten von anderen, sondern mit ihnen. Gegenseitige Gastfreundschaft zwischen Kulturen und Religionen ist gar nicht so schwierig, sondern meistens sehr schön. Im Fall von Weihnachten ist sie sogar ein Teil der Botschaft des Festes: Immerhin ist die Heilige Familie nicht bei sich zuhause, sondern im Stall - und bald nach der Geburt auf der Flucht. Trotzdem hat sie Hirten und Weise als Gäste. Radikale Gastfreundschaft, das ist eben Weihnachten!

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