Leimbach erhält ein neues Asylzentrum – und das ist richtig so
Trotz Widerstand aus dem Quartier plant die Stadt Zürich eine Unterkunft für 250 geflüchtete Personen in Leimbach. Warum dieser Entscheid richtig ist. Ein Kommentar.
Am Donnerstag gab das städtische Sozialdepartement bekannt, dass im leerstehenden Alterszentrum Mittelleimbach bis 2030 eine temporäre Unterkunft für bis zu 250 Geflüchtete entstehen soll. Damit geht der Stadtrat nicht auf die Forderung des Quartiervereins ein, der die Pläne verhindern wollte. Angesichts der aktuellen Herausforderungen ist das richtig.
Die geplante Zwischennutzung soll gemäss Mitteilung des Sozialdepartements ab Sommer 2026 neben den Geflüchteten auch Wohnraum für rund 50 Studierende bieten. Im Erdgeschoss sind zudem Räumlichkeiten für die ganze Quartierbevölkerung geplant.
Quartierverein startete Petition
Der städtische Entscheid folgt auf eine kurze, aber turbulente Vorgeschichte. Als nach dem Auszug der Bewohner:innen im Sommer bekannt wurde, dass eine Asylunterkunft entstehen soll, gab es aus Teilen von Leimbach Widerstand. Letzte Woche verschickten Unbekannte Fake-Flyer, mit denen sie Stimmung gegen die Pläne der Stadt machen wollten. Bis heute ist unklar, wer hinter der Aktion steckte.
Der Quartierverein Leimbach hatte zuvor die Petition «Gnueg isch gnueg» lanciert, um die Umnutzung zu verhindern. Stand heute zählt diese 3100 Unterschriften. Leimbach beherberge bereits heute 250 bis 300 Asylsuchende und liege damit deutlich über der kantonalen Vorgabe von 1,6 Prozent gemessen an der Einwohner:innenzahl, so das Argument.
Gemäss Angaben der Stadt entfallen auf Leimbach rund fünfeinhalb Prozent der in der Stadt untergebrachten Geflüchteten. Damit liegt Leimbach im Quartiervergleich zwar nicht an der Spitze, weist gemessen an der Bevölkerung aber einen der höchsten Anteile auf.
Warum die Stadt die neue Unterkunft dennoch in Leimbach plant, beantwortet sie mit einem Urzürcher Problem: dem Mangel an Wohnraum.
Die Asylgesuchszahlen seien weiterhin hoch, gleichzeitig aber das Angebot an Wohnraum für grössere Unterbringungsstrukturen knapp. Das unbewohnte Hochhaus im Süden der Stadt könnte die siebtgrösste Unterkunft werden.
«Gnueg isch gnueg» ist keine Lösung
Die Nachricht für Leimbach erscheint in einer Woche, in der auch auf Bundes- und Kantonsebene migrationspolitische Debatten geführt wurden. In Bern wurde die Motion der Stadtzürcher Ständerätin Tiana Moser von der GLP für eine Strategie im Umgang mit kriminellen minderjährigen Asylsuchenden diskutiert und in Zürich forderte der Regierungsrat Mario Fehr (parteilos) schnellere Rückführungen in Drittstaaten und tiefere Asylquoten für Gemeinden. In beiden Fällen wird Migration vor allem als Problem dargestellt – oder als etwas, das sich auslagern lässt.
Doch in einer Gegenwart, die von multiplen geopolitischen Krisen geprägt ist, ist diese Sicht nicht realistisch. Und «Gnueg isch gnueg» ist da keine Lösung.
Stattdessen haben Geflüchtete Anspruch auf ein Zuhause und die Leimbacher:innen Anrecht auf Unterstützung bei der Integration. Zürich hat als eine der reichsten Städte «genug» zu geben. In Krisenzeiten braucht es vor allem eins: Solidarität.
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Aufgewachsen am linken Zürichseeufer, Master in Geschichte und Medienwissenschaft an der Universität Basel. Praktikum beim SRF Kassensturz, während dem Studium Journalistin bei der Zürichsee-Zeitung. Wissenschaftliche Mitarbeiterin in einem SNF-Forschungsprojekt zu Innovation im Lokaljournalismus. Seit 2021 Mitglied der Geschäftsleitung von We.Publish. Seit 2023 Redaktorin bei Tsüri.ch.
Kommentare
Keine Ahnung vom Quartier
Es ist überhaupt nicht sinnvoll, einem Quartier, das schon heute mit grossen Problemen mit Sozialhilfebezüger und Integration, noch weitere Menschen zuzumuten. Wenn man einen Artikel schreibt, muss man sich vorher einen Eindruck vor Ort verschaffen. Kindergartenstart, 50% können kein Deutsch. Ständiger Lehrerwechsel, Schulen konstant überfordert. Schweizer/Expats schicken die Kinder in die Privatschule. Kein einziges Kaffee oder Restaurant. Kein Sportplatz, ausser in der Primarschule. Bus 70 auf den Berg schon jetzt immer überfüllt. Kinder haben schon heute Angst am aktuellen Asylzenter vorbei zu laufen, weil ein aggressiver Mann sie anschreit. Mittelleimbach, der obere Teil des Quartiers ist klein, dörflich. Da wohnen 1800 Personen, beide Asylunterkünfte sind da angesiedelt und nur mit diesem Bus erreichbar. Da steigt die Asylquote auf 20%. Auch als linke Wählerin muss ich da den Kopf schütteln.
Solidarität stösst an ihre Grenzen
Es braucht mehr Solidarität? Wie naiv. Wie wär's mit mehr Solidarität am Züriberg, an der Goldküste etc? Unterkünfte für Flüchtlinge spriessen in den Aussenquartieren Zürichs aus dem Boden wie Pilze, es gibt zuviele. Die eigene Bevölkerung hat Mühe bezahlbaren Wohnraum zu finden, ältere Menschen sowieso. Die Stadt und der Kanton könnte sich für mehr Solidarität gegegnüber der eigenen Bevölkerung einsetzen.
Wenn Senioren, die ein Leben lang in Leimbach gewohnt haben, entwurzelt werden um für fehlende Asylplätze in der Stadt Zürich Platz zu machen, dann ist das irrational und assozial. Und das im Namen sozialer Politik. Integration findet nur in einem integren Sozialgefüge statt! Wer Leimbach ernst nimmt, weiss jetzt bereits, dass es am kippen ist. Einem „sozial schwachen Quartier“ (Zitat Stadtrat Golta) wird somit nicht zur Seite gestanden, sondern noch mehr aufgebürdet. Und das im Namen sozialer Politik.
Gnueg isch gnueg
Helen Graf - das ist an Arroganz kaum zu überbieten. Bestimmt wohnst du nicht in Leimbach, oder? Integration kann nur in einem intakten Sozialgefüge stattfinden, und das ist hier nicht mehr der Fall. Kinder lernen kein Schweizerdeutsch mehr. Die kulturellen Bräuche werden im Namen der Rücksichtsnahme verdrängt (Weihnachtsfeier = Jahresschlusssingen, Weihnachtsferien = Winterferien). Das ist falsch & nicht sozial, auch den ankommenden Asylsuchenden gegenüber nicht. Oder willst du gar nicht, dass sie integrieren? Sollen wir deren Kultur übernehmen oder in Parallelgesellschaft leben? Das ist kurzsichtig & naiv. Warum setzt du dich nicht mit der gleichen Überzeugung für einheimische Senioren ein? Lässt sich keine Politik damit machen? Sie brauchen auch Hilfe. Und liebe Helen, warum stellst du deine Wohnung nicht zur Verfügung? Du bist ja sehr grosszügig mit städtischem Eigentum, nimmst sie den verwurzelten Bewohnern weg und übergibst sie fremden Leute. Findest du das sozial?!
Asylzentrum Leimbach
Es geht nicht um Fremdenfeindlichkeit oder die Ablehnung von Asylanten. es gibt schon eine Unterkunft für Asylanten, die dem Leimbacher Bevölkerungsanteil angemessen ist. Das Problem besteht in der zunehmend extremen Verdichtung in Leimbach: • In der Sihlweidstrasse 10-16 wird 2027 ein ganzer Block abgebrochen und ein grosser Neubau errichtet werden (+70 Wochnungen über bisherigem Bestand) • Auf Höhe Leimbachstrasse 66 werden gerade zwei neue Blöcke erstellt mit geschätzt über 150 Wohnungen. • In Manegg wurde vor einigen Jahren auf dem Areal der ehemaligen Papierfabrik die "Greencity" (Volksmund "Greycity") mit hunderten Wohnungen erstellt, eingepfercht auf knappstem und lärmigem Raum zwischen S-Bahnlinie, Hauptstrasse nach Zug und Autobahndreieck. Leimbach wird von der Stadtregierung gezielt vom Handwerker- und Arbeiterviertel zum sozialen Brennpunkt Zürichs à la Berlin Marzahn oder München Hasenbergl ausgebaut. Zürichberg,Goldküste und Dolderviertel bleiben verschont. Das ist unfair
Keine Antwort auf die Probleme
Der Kommentar liefert keine Antworten auf die Themen, die uns Leimbacher beschäftigen. Das Schlagwort Solidarität liest sich schön, in diesem Kontext nichtssaussagend.
Asylzentrum Leimbach
"Anspruch auf ein Zuhause" aber nur solange sie sich zu benehmen wissen und gewillt sind, sich zu intergieren.
So einen Artikel kann nur jemand schreiben, der die Gegebenheiten im Quartier nicht kennt. Hier gibt es nichts mehr zu integrieren, in den Schulklassen gibt es kaum noch Schweizer Kinder.
Liebe Nina, Komm bitte Mal hierher und schau dir das an. 250 (!!!) geflüchtete, gesunde, junge Männer sollen direkt neben der Schule, dem Kindergarten, dem GZ und der Bushaltestelle in 80 kleine Einliegerwohnungen gepfercht werden und werden auch mal Freizeit haben. Das ist eine gemeingefährliche, verantwortungslose Entscheidung und eine wahre Gefahr für unsere Kinder, Mädchen und Frauen. Es gibt für die Schüler:innen keinen Weg an diesem Zentrum vorbei und als Mutter mache ich mir echte Sorgen. Am Schreibtisch ist es leicht solche Aussagen zu machen, aber 250 junge unterbeschäftigte Männer, aus Kulturen, wo Frauen nichts zu sagen haben ist eine Zeitbombe auf Kosten der Mädchen Leimbachs. Überdenke bitte deine Zeilen und plädiere für Lösungen, die auch der Bevölkerung Rechnung tragen. Das wäre richtig.
Leimbach
"Stattdessen haben Geflüchtete Anspruch auf ein Zuhause" Aber unsere Senioren nicht?
Aslyzentrum Leimbach
Ich danke euch für diesen Kommentar. In der aufgeheizten Debatte und den vielen "BrandstifterInnen" ist es sehr wichtig, auch solche Stimmen zu hören.