Gastbeitrag

Resilienz als einigendes Narrativ in der Klimakrise

Die Begriffe «Postwachstum» und «Degrowth» seien ungeeignet, um die Mehrheit der Gesellschaft zu gewinnen, ist sich unser Gastautor sicher. Er legt dar, wieso man sich auf Resilienz eher einigen kann.

Die Degrowth-Bewegung durchleuchtet das Wachstum und die Abhängigkeiten davon als Ausgangspunkt und macht Vorschläge für politische Massnahmen. (Bild: Emily Park / Unsplash)
«Was wäre, wenn die grüne Bewegung die ganze Zeit mit einer Erzählung unterwegs gewesen wäre, die gar nicht funktionieren kann?», fragt sich unser Gastautor. (Bild: Emily Park / Unsplash)

2012 begann ich, Veranstaltungen zu organisieren zu Postwachstum, Gemeingütern und kollaborativen Wirtschaftsmodellen. Ab 2015 suchte ich mit dem Verein Thinkpact Zukunft den Kontakt zu den «Grossen».

Ich sprach mit WWF, Greenpeace, Plattform Agenda 2030, Parteien wie der SP und den Grünen und regte an, soziale Innovation und Social Entrepreneurship sichtbarer zu machen und zu fördern. Selber stiess ich Transition Zürich und das Ernährungsforum Zürich an.

Begriffe wie Degrowth, Postwachstum und Suffizienz machten die Runde. In den Diskussionen an Fachveranstaltungen kam bei mir aber das Gefühl auf: Damit landen wir nicht! Meine erste Schlussfolgerung war, dass wir positivere Begrifflichkeiten brauchen. Andere dachten das Gleiche.

So sprach man nicht von Verzicht und Suffizienz, sondern von «Besser leben», «Weniger ist mehr» und «Buen Vivir». Die Botschaft blieb aber im Grunde genommen die Gleiche: Es geht nicht ohne Verzicht. Aufgrund unserer Wertvorstellungen fanden wir dies aber nicht so schlimm. Wir lebten bereits so. Wurden wir gehört? Ja, aber meistens nur von denen, die es bereits wussten. 

Die Klimabewegung brachte Bewegung in die Sache. Die Politik kam aus der Deckung und getraute sich, ambitionierte Ziele zu formulieren, bei denen mitschwang, dass es Verhaltensänderungen braucht. Die Medien schrieben, dass die Klima-Generation die erste sein könnte, der es nicht besser ginge als ihren Eltern. Der Wachstumsmotor, respektive die Wachstumsideologie, kam ein wenig ins Stottern. Und die Energiewende nahm Fahrt auf. 

Jetzt, ein paar Jahre später: Ernüchterung allerorten! Und die zivilgesellschaftlichen Organisationen müssen sich nun nicht nur für das Klima und die Gerechtigkeit einsetzen, sondern zusätzlich auch noch für die Demokratie. 

Und jetzt, an dieser Stelle, möchte ich auffordern, innezuhalten. Was wäre, wenn die grüne Bewegung die ganze Zeit mit einer Erzählung unterwegs gewesen wäre, die gar nicht funktionieren kann? Respektive, die niemand hören will. Es gibt viele Studien, die belegen, dass der grosse Teil der Gesellschaft sich bewusst ist, dass sich etwas ändern muss. Wieso scheiterten denn all die Appelle?

Ich bin lange davon ausgegangen, dass mit positiven Geschichten, utopischem Denken und Hinweisen auf Pionierprojekte viel ausgerichtet werden kann. Ich denke immer noch, dass dies wesentlich ist und viel mehr geschehen könnte. Darum haben wir auf der Webseite des «Thinkpact Zukunft» alle zusammengetragen, die in diese Richtung aktiv sind. Bei den grossen Medien ist diesbezüglich auch noch etwas Luft nach oben. Und auch die grünen Parteien täten gut daran, ihre Vision zu schärfen.

Der Soziologe und Buchautor Nikolay Schultz führte dies in einem Interview mit der Republik aus. Es geht aber auch nicht mehr darum, einfach eine positive Vision zu entwickeln. Das hätte vielleicht vor zehn Jahren funktioniert. Jetzt erscheint es nur noch als lächerlich und naiv in Anbetracht der Krisen. 

Und ich sehe gerade darum eine andere, mögliche Alternative zu den Begrifflichkeiten wie «Degrowth», «Weniger ist mehr» und «Suffizienz». Wobei ich nicht der Meinung bin, dass Lösungsansätze, wie sie in kollaborativen Modellen zu finden sind, losgelassen werden müssen. Diese passen wunderbar. Die Welt verändert sich aber gerade massiv. Und es braucht eine neue Erzählung. 

Laut dem Soziologen Andreas Reckwitz pflegen wir seit rund 1850 im Zusammenhang mit der Industrialisierung Fortschritts-Narrative. So gut wie alle in unserer Gesellschaft machen nun aber vermehrt Verlusterfahrungen. Unsere Kulturtechniken werden laut Reckwitz dem aktuell nicht gerecht. Wenn also die Degrowth-Bewegung Verzicht einfordert, macht es Sinn, sich diesem gesellschaftlichen Kontext bewusst zu sein.

Dazu kommt, wie der Physiker und Klimaforscher Anders Levermann in seinem Buch «Die Faltung der Welt» darlegt, dass unseren Gesellschaften ein sehr starker Wille eigen ist, die Dinge zum Besseren zu entwickeln. Vor diesem Hintergrund kann das Konzept von «Postwachstum» als Aufforderung zum Stillstand verstanden werden. 

Wie der deutsche Wirtschaftswissenschaftler Ingolfur Blühdorn, Leiter des Instituts für Gesellschaftswandel und Nachhaltigkeit an der Wirtschaftsuniversität Wien, in seinem Buch «Unhaltbarkeit» ausführt, wurde der Umweltschutz von der Bewegung selbst mit emanzipatorischen Werten verknüpft.

Laut Blühdorn zerbrechen diese Werte aber gerade. Der Mensch will laut dem Nachhaltigkeitsexperten gar nicht immer frei sein und ist überfordert davon. Und es wird so empfunden, dass die Grünen nicht nur vorschreiben, wie man zu leben hat, sondern noch schlimmer, wie man sein hat.

Bei aller Unterschiedlichkeit gibt es aber eine Erfahrung, die alle Menschen gemacht haben. Wir alle haben Verluste erlitten. Wir alle kennen das Leiden. Dies könnte uns verbinden. 

Vom Ahrtal in Deutschland bis Valencia in Spanien. Es gibt ganz viele Berichte und starke Bilder, die davon zeugen, dass gerade in Katastrophensituationen unterschiedliche Meinungen und politische Orientierungen keine Rolle mehr spielen. Wir müssen aber lernen, uns verletzlicher zu zeigen. Der Schlüsselbegriff könnte die Resilienz sein. 

Der Soziologe Andreas Reckwitz beschreibt ein Zukunftsszenario, das er die «Reparatur der Moderne» nennt. Wir rechnen mit negativen Ereignissen und treffen Vorkehrungen. Voraussetzung ist, dass wir uns die Situation eingestehen können und einen Umgang mit den Verlusten finden. Damit einhergeht die Entwicklung eines Bewusstseins, die den zukünftigen Herausforderungen gerecht wird. Aktuell ist es noch so, dass die Aufgabe von Fortschritts-Narrativen auf staatlicher Ebene zu einer Legitimationskrise führt. 

Letztens sagte jemand in einer Diskussion zu mir: «Wenn wir irgendwie breiten-relevant werden wollen, müssen wir uns um andere Werte kümmern: Sicherheit, Wahrung von Kulturgut, Sprache, Wohlstand, Eigentum. Ich denke, um diese Werte lassen sich auch emanzipatorische Erzählungen bilden. Aber nur, wenn wir unsere Projektionen stellen und aufhören, die Menschen zu verabscheuen, die diese Werte vertreten.»

Der Beitrag in voller Länge ist auf dem Blog von Ima Adama zu finden.

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