Gastbeitrag

Zukunftsfähige Altersvorsorge: Warum es dazu Degrowth braucht

Die Schweizer Altersvorsorge ist davon abhängig, dass unsere Wirtschaft wächst – und stellt uns daher vor gleich mehrere Probleme. Abhilfe schaffen könnten verschiedene Ideen aus der Degrowth-Bewegung, wie unser Gastautor ausführt.

Die AHV und die berufliche Vorsorge sind stark wachstumsabhängig.
Das Rentensystem in der Schweiz braucht laut unserem Gastautor eine Generalüberholung. (Bild: Artem Labunsky / unsplash)

Das aktuelle System der Altersvorsorge in der Schweiz ist auf kontinuierliches Wirtschaftswachstum angewiesen. Diese Abhängigkeit führt aber zu Problemen, da die Wachstumsraten seit Jahren abnehmen, sodass die Altersvorsorge krisenanfällig ist. Es gilt also, die Altersvorsorge wachstumsunabhängig zu gestalten – und sie zukunftssicher auszurichten.

Die aktuelle Schweizer Altersvorsorge basiert auf dem Dreisäulensystem: der AHV (Umlageverfahren), der beruflichen Vorsorge (Kapitaldeckungsverfahren) und der privaten Vorsorge (unter anderem die Säule 3a). Die AHV und die berufliche Vorsorge sind stark wachstumsabhängig. Auch die private Vorsorge ist es in vielen Fällen:

  1. Das AHV-System finanziert sich durch Beiträge der Erwerbstätigen. Wenn die Wirtschaft wächst, steigen die Löhne und die Anzahl der Beschäftigten, was zu höheren Beiträgen führt. Davon profitieren die Pensionierten, deren Zahl, aufgrund der demografischen Entwicklung, zunimmt. Stagniert die Wirtschaft, geraten die Einnahmen unter Druck.
  2. Beim Kapitaldeckungsverfahren sind die Pensionskassen darauf angewiesen, dass die Kapitalanlagen langfristig Renditen erwirtschaften. Dies funktioniert nur in einer wachsenden Wirtschaft, in der Gewinne steigen, wenn Unternehmen zum Beispiel mehr Produkte verkaufen. Ohne Wachstum sinken die erwarteten Renditen, was zu geringeren Renten führt.
  3. Bei der privaten Vorsorge gibt es unterschiedliche Modelle, weshalb deren Abhängigkeit von der genauen Art abhängt. Kapitalgebundene private Vorsorge, beispielsweise 3a-Konten, sind stark wachstumsabhängig: So setzen die Kreditinstitute auf Aktien, Anleihen oder Fonds, die langfristiges Wirtschaftswachstum benötigen, um Renditen zu erzielen.

Neue Modelle sind gefragt

Angesichts dieser Probleme stellt sich die Frage, wie unsere Altersvorsorge zukunftsfähig umgestaltet werden kann. Im Degrowth-Diskurs kursieren bereits einige Vorschläge:

Anstatt primär auf Lohnbeiträge zu setzen, könnte sich die AHV stärker durch Steuern auf Kapitalerträge, Erbschaften und hohe Vermögen finanzieren. Das würde die Abhängigkeit von steigenden Löhnen und somit Wirtschaftswachstum verringern. Gleichzeitig würde es die gesellschaftliche Gleichheit fördern, deren Folgen Gesellschaften lebenswerter werden lassen.

Durch Steuern und/oder weitere Finanzierungsmöglichkeiten, könnte man eine bedingungslose Grundversorgung (BGV) einführen. Sie könnte allen Menschen Zugang zu den notwendigen Ressourcen und Dienstleistungen zu gewähren – unter andere, Nahrung, Wohnraum, Gesundheitsversorgung, Bildung und soziale Teilhabe.

Der Staat würde allen Menschen dies garantieren und die entsprechende Infrastruktur auf- oder ausbauen. So wären Menschen nicht mehr so stark auf Renten in Form von Geld angewiesen, um sich bestimmte Produkte oder Dienstleistungen zu kaufen.

Ein weiterer Vorschlag zielt auf Arbeit ausserhalb der klassischen Erwerbsarbeit: der Ausweitung von sogenannten Zeitbanken. Man leistet Arbeit, indem man zum Beispiel für die ältere Nachbarin einkaufen geht oder kocht und dafür Zeitgutschriften erhält. Diese kann man dann zu einem späteren Zeitpunkt einlösen.

Die Guthaben ersetzen somit Geld als Tauschmittel. In St. Gallen gibt es bereits ein solches Projekt, das von der Stadt unterstützt wird. Die Absicherung der Stadt gewährleistet, dass die entsprechenden Gutschriften nicht verfallen.

Die Altersvorsorge steht vor grossen Herausforderungen. Aus ökologischen und volkswirtschaftlichen Entwicklungen bedarf es neuer Ideen, die Rentensysteme wachstumsunabhängig auszurichten. Zahlreiche Projekte setzen bereits konkrete Projekte um – und davon braucht es weitere, am besten unterstützt durch noch mehr Gemeinden, Kantone und den Bund.

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