Gastbeitrag

Mit Degrowth zum gesellschaftlichen Wandel

Das Konzept Degrowth will ein gutes Leben für alle, ohne dass die Lebensgrundlagen für das Wirtschaftswachstum zerstört werden. Doch wie soll das gehen? Ein Gastbeitrag.

Klimademo Umwelt
Die Degrowth-Bewegung will einen Systemwandel – und liefert damit eine Antwort auf die Klimakrise. (Bild: Markus Spiske / Unsplash)

Degrowth strebt nach einem gesellschaftlichen Wandel als Antwort auf die Klima- und Biodiversitätskrise und die steigende Ungleichheit. Wie der Name schon vermuten lässt, beschäftigt sich die Bewegung mit Wachstum. Sie kritisiert die Fokussierung auf das Wirtschaftswachstum.

Vertrer:innen der Idee stören sich vor allem am steigenden Bruttoinlandsprodukt als Messgrösse für Wohlstand und Fortschritt. Stattdessen soll als Ziel ein gesteigertes Wohlbefinden der Menschen angestrebt werden.

Wichtig dabei: Lebensgrundlagen sollen dabei erhalten bleiben. Das bedeutet, dass der absolute Energie- und Ressourcenverbrauch sinken muss. Damit dies gelingen kann, ist die Frage zu klären, welche Wirtschaftssektoren wachsen und welche schrumpfen sollen.

Da unsere gesamte Gesellschaft aber aktuell vom Wirtschaftswachstum abhängig ist, müssen wir vom Wirtschaftswachstum unabhängig werden. Sonst riskiert man Rezessionen und Krisen. Um diesen vorzubeugen, muss der Umbau der Wirtschaft demokratisch und sorgfältig geplant werden. 

Die Kritik am Wirtschaftswachstum ist deshalb lediglich der Ausgangspunkt und steht für viel mehr. Die drei Grundpfeiler sind: Gerechtigkeit, Demokratie in Politik und Wirtschaft sowie Suffizienz. 

Eine gerechte Welt für alle

Degrowth strebt nach globaler Gerechtigkeit. Um das zu erreichen, muss der Verbrauch von Energie und Ressourcen in wohlhabenden Ländern (high-income countries) sinken. Nur so können weniger wohlhabende Länder (low-income countries) mehr Energie und Ressourcen verbrauchen, bis ihre grundlegenden Bedürfnisse vollständig gedeckt sind.

Auch die Umverteilung von oben nach unten innerhalb von Ländern ist im Sinne von Degrowth. Die gerechte Verteilung von Ressourcen begünstigt den Zugang zu Möglichkeiten, wie Bildung und Gesundheitsvorsorge und ermöglicht ein gutes Leben für alle.

Gleichzeitig können so alle gleichberechtigt an der Gesellschaft teilnehmen. Das heisst: Eine gerechte Gesellschaft ist die Grundlage für Demokratie in Politik und Wirtschaft.

Dabei geht es darum, Macht auf vielen Schultern zu verteilen und mehr Menschen an Entscheidungsfindungen teilhaben zu lassen. So kann eine ganze Gesellschaft hinter den schlussendlichen Entscheidungen stehen.

In der Wirtschaft bedeutet Demokratie zum Beispiel, dass es mehr Genossenschaften gibt. Dadurch fliessen mehr Perspektiven ein, die auf das Allgemeinwohl ausgerichtet sind. Mehr Demokratie ist entscheidend, um das Degrowth-Ziel eines gesteigerten Wohlbefindens zu erreichen.

Genügsamkeit üben

Neben Gerechtigkeit und Demokratie ist Suffizienz ein Teil des Fundaments von Degrowth. Suffizienz steht für einen genügsamen Lebensstil und stellt die Frage, wie viel genug ist. Sie motiviert uns zu überlegen, wie wir die uns zur Verfügung stehenden Ressourcen einsetzen und was wir für ein gutes Leben wirklich benötigen.

Das gilt nicht nur für die individuelle Ebene, sondern betrifft auch die Frage, wie wir Suffizienz durch politische Massnahmen erreichen. Zum Beispiel ermöglichen autofreie Städte mit guter Veloinsfrastruktur emissionsarme Fortbewegung.

Degrowth hat also konkrete Ideen, wie der gesellschaftliche Wandel angepackt werden kann – und zwar besser heute als morgen.

Am nächsten Montag, 3. März 2025, lädt Tsüri.ch zum Podium zur Frage: Wie viel Raum brauchen wir?

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Kommentare

HB
27. Februar 2025 | 19:52

Wer häts erfunde? (Ricola-Werbung)

Vor allem (aber nicht nur) in der Wirtschaft besteht das Problem, dass jemand eine Geschäftsidee hat, und daraus eine Firma, ein Konzern etc. gründet. Daran sind Organisationsprinzipien, geistiges Eigentum, Eigentum und Lohnabhängigkeit gebunden. Der Ur-Liberale John Locke glaubte, Eigentum sei das (Artefakt) das jemand mit seinen eigenen Händen schaffe. Das setzt zuerst Idee voraus (um zu wissen, was man danach schafft). Zeitontologisch scheint es nicht möglich zu sein, dass zwei Personen zur exakt selben Nanosekunde exakt die gleiche Idee haben. Was Ideen sind und wo sie herkommen, ist eine ungeklärte Frage in der Philosophie. Dieses Problem eingebettet in kapitalistisch-konditionierende Strukturen führte zum kulturkapitalistischen Paradigma des Ideenwettbewerbs. Das Problem verstärkt mit Hyperindividualismus zeigt sich in allen gesellschaftlichen Bereichen, Wirtschaft, Wissenschaft, Kultur und Politik. Dazu bräuchte es eine Lösung zwischen Individualismus und Kollektivismus.

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