Gastbeitrag zu Stadtentwicklung

Züri zu neu? Warum die Stadt Kaputtes braucht

Kaputte oder störende Dinge werden in der Stadt Zürich möglichst rasch beseitigt. Dabei liege darin auch Potenzial für neue Nutzungen, schreiben Architektur-Studierende in ihrem Gastbeitrag.

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In der Kategorie Abfall/Sammelstelle gemeldet: «Hier hat es eine fremde Konstruktion.» (Bild: zvg)

Dieser Text entstand im Rahmen eines Gaststudios am Institut für Entwurf und Architektur an der ETH Zürich, in dem der Verein ZAS* mit Studierenden zusammenarbeitet.

Auf dem Weg der Überwindung unserer Wegwerfgesellschaft wird von Reparatur und Fürsorge gesprochen. Doch ab wann ist ein Ort, ein Gegenstand kaputt oder bereit, repariert zu werden? Wie viel kaputt ist gut, sogar erstrebenswert?

Die Stadt Zürich gilt als eine der saubersten Städte der Welt. Darauf ist man stolz und es wird viel unternommen, um diesen Ruf zu bewahren. Auf der Plattform «Züri wie neu» kann zum Beispiel jede Person, egal ob mit oder ohne Wohnsitz in Zürich, eine Meldung über Mängel oder Schäden an der städtischen Infrastruktur melden. Einen Schnappschuss des Störenden tätigen, mit Koordinaten auf die Plattform hochladen, einen kurzen Kommentar dazu schreiben, fertig.

Täglich werden die Meldungen von der Stadtverwaltung abgearbeitet, beantwortet oder an die zuständigen Stellen weitergeleitet. An der Vielzahl der verfassten Beiträge in Form von Bild und Text lässt sich erkennen, wie weit der Begriff eines Schadens in Zürich gesteckt wird. Nicht besonders weit. Die meisten Meldungen betreffen herumliegende Blätterhaufen oder herumstehende Gegenstände.

Was sagt es über eine Stadt aus, wenn ein zugängliches Kommunikationstool für Partizipation sich auf Abfall und Mängel konzentriert? Der Name «Züri wie neu» wird eigentlich nicht per se mit Abfall assoziiert, sondern eher mit der Optimierung der Stadt. Die Stadt soll glänzen. Perfektion wird angestrebt.

Doch ist dies für eine Stadt erstrebenswert? Was wäre, wenn das Kaputte nicht als Mangel oder Schaden, sondern als Potenzial für die Bewohner:innen einer Stadt gedeutet werden würde?

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In der Kategorie Strasse/Trottoir/Platz gemeldet: «Loch im Trottoir und rundherum fällt der Boden langsam etwas ein.» (Bild: zvg)
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In der Kategorie Abfall/Sammelstelle gemeldet: «Stühle mit Tisch.» (Bild: zvg)
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In der Kategorie Abfall/Sammelstelle gemeldet: «Bank, Kleber.» (Bild: zvg)
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In der Kategorie Abfall/Sammelstelle gemeldet: «Velo.» (Bild: zvg)
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In der Kategorie Strasse/Trottoir/Platz gemeldet: «Bitte Brombeerranken, die das Trottoir überwuchern, schneiden. Danke.» (Bild: zvg)

Eine Umdeutung scheint möglich, wenn man sich zum Beispiel die Meldung einer Bank auf der Plattform anschaut. Sie wurde in der Kategorie Abfall/Sammelstelle gemeldet und mit dem Kommentar «hier hat es eine fremde Konstruktion» versehen. Die Bank wird als störend in der Umgebung wahrgenommen, in der sie sich befindet. Sie ist aber als Objekt intakt und funktional. Würde sie in einem anderen Kontext auch als fremd und störend wahrgenommen werden?

Ein einfacher Wechsel des Hintergrunds könnte ausreichen, um ihre Qualitäten aufzuzeigen. Anderer Kontext, andere Wahrnehmung. Aus Kaputt würde Potenzial.

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Durch eine Karte kann die Stadtverwaltung die Meldungen auf der Plattform «Züri wie neu» verorten. (Bild: zvg)

Der Begriff «Kaputt» hat viele potenzielle Wortherkünfte, stammt mit grosser Wahrscheinlichkeit jedoch aus dem Französischen. «Être capot» wird im Kartenspiel Piquet genutzt und bedeutet eine Runde verlieren oder nichts gewinnen. Heute drückt das Wort einen endgültigen oder zumindest nicht nur vorübergehenden Zustand aus, der eine Reparatur erfordert. 

Im städtischen Kontext bedeutet das oft, Altes mit Neuem zu ersetzen. Somit wird optimiert und das Kaputte, so gut es geht, eliminiert. Reibungslose Quartiere mit perfekt geteerten Strassen, Pflanzen-Rabatten und Signaletik entstehen. Die Umgebung wirkt sauber, das Projekt abgeschlossen.

Alles neu, alles fertig. Doch ist es erstrebenswert, einen abgeschlossenen Zustand zu erreichen? Eine nicht fertig geplante Fläche, ermöglicht den Menschen, ihre eigenen Ideen und Projekte zu verwirklichen, wodurch ein dynamischer und sich ständig verändernder Raum entsteht. Wenn die Gemeinschaft sich zurückzieht oder sich ändert, bleibt die Fläche flexibel und offen für neue Nutzungen. So entsteht eine Art zyklischer Prozess, bei dem der Ort immer wieder neu interpretiert werden kann.

Wenn wir die Begriffe neu und kaputt anders definieren, würden wir erkennen, dass Stadtteile nie wirklich abgeschlossen sind, sondern sich ständig weiterentwickeln. Diese fortwährende Veränderung könnte den Gebäuden und Räumen mehr Integrität und Flexibilität verleihen. Das mit Kaputtem nicht zu gewinnen ist, könnte genau dessen Potenzial für eine zukünftige Stadtentwicklung sein.

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